100% Nuss 
Zart - Bitter

Wie alles begann
Wie so oft begann es wieder mal am Biertresen, genauer gesagt, am kleinen runden Tisch in der Raucherecke vom Marschachter Hof. Da kam doch tatsächlich jemand an und fragte mich, ob ich einen Schrank bauen kann. 
Welch Dreistigkeit, einem Reisenden Arbeit anzubieten! (Naja, hab trotzdem ja gesagt) „Klar wa!“ Ist ja mein Beruf. Aber über die Optik, heute neumodisch Design genannt, muss man sich ja schon noch einig werden. Denn normal sollte der Schrank nicht sein, aber schlicht, schlicht und einzigartig. 
Wie zum Kuckuck sollte man da das Richtige treffen? Und die Frau, welche in Deutschland ja normalerweise die Vorherrschaft über die Wohnzimmereinrichtung hat, hatte ja auch noch ein Wörtchen mitzureden. „Vielleicht Würfel?“ Ja, Würfel sind toll, modern und zeitlos. Außerdem gefallen Würfel beiden. 
Der Mann überreisst auch die Vorteile von Würfeln mit Hilfe des räumlichen Vorstellungsvermögens sofort. „Würfel sind zu klein, dass sich darin jemand verstecken kann!“ Also die Nummer mit dem Kleiderschrank fällt flach. Somit Würfel, gut. Solange man nicht selbst in der Situation steckt, sich verstecken zu müssen, Hm!?
Um dieser ursprünglichen Idee des Schrankes noch ein wenig Zeit zu geben, folgte ich erst einmal 2 Wochen lang dem Ruf der Straße, um mich von Ihr inspirieren zu lassen. Denn die Gedanken und Ideen sollten sich mit dem Einen oder Anderen Pils in mir setzen.

Es wird konkret
Also dann, zugereist nach den besagten zwei Wochen. Würfel bleiben es, aber “viele”. Nicht wie zuerst gedacht, ein Sideboard mit zwei Würfeln. Dann mal Stift und Papier zur Hand und ein paar Skizzen gemacht! „Die Inspiration der Straße wirkt gut!“ - Kein Wunder, war auch ne schöne Heimgehtippelei. Die Entwürfe werden kreativ, fast zu kreativ. Also wieder auf schlicht runterkürzen. Gut, der Entwurf steht, der Schrank noch lange nicht. Was hat man sich da nur wieder ausgedacht! Selbst übernommen? Vier Wochen müssen langen. Danach geht’s nach Afrika!

Der Plan der 
Pläne Wie war das noch mal mit Technisch Zeichnen? Zuerst die Ansicht, dann die Schnitte… und am Ende soviel Striche, dass man nur noch selbst durchsieht.(hoffentlich). „Nicht ganz nach DIN“, aber fast und man selbst muss ja damit klarkommen!

Die Enttäuschung die ihr Gutes hatte
Jetzt die Frage nach der Werkstatt. Da hieß es: „Alles kein Problem!  Gibt ne Tischlerei, da kannste rein!“ Es wäre aber keine richtige Tischlerei ohne ortsansässigen Tischler. Und Tischler haben ein Revierverhalten. Also hieß es: „Nee!“, Revier markiert. Sprich, kein Platz für noch jemanden. Kann man ja verstehen. Ich würde ja auch nicht jeden Rumtreiber bei mir in die Werkstatt lassen. Also neues Revier suchen und dann gleich zum Erzrivalen mitten in die Zimmerei und Ausbreiten! (=Revier markieren) Aber eins war somit klar: „Hier kann man nur Massivholz mit einigermaßen Tischleranspruch verarbeiten.“ Also massiv. Bleibt noch die Frage nach der 

Holzart. 100% Nuss
Nussbaum: zart in der Optik, bitter im Preis. „Wenn schon denn schon!“ 1m³ Rohmaterial. »Ich danke dem edlen Spender, der mich vor dieses wundervolle Material setzt!« Welch ein Vertrauen. Jetzt verschneiden und ganz schnell abreisen! Nee, natürlich nicht. Mit bedacht geht’s ans Werk! „Ein scharfes Werkzeug, ein schönes Stück Holz, das Werk kann beginnen, gelingen sollz!“ Hm, Poesie?

Sägen, Hobeln, Verleimen
Spätestens jetzt geht’s richtig los! 1 Woche lang ein reiner Dialog zwischen einer kleinen Elektra Beckum Baukreissäge, einer kombinierten Abrichte-Dickte, die immer Vollgas fährt und den Zwingen, die mir mehr oder weniger treu ergeben sind. Und das Revier wird ausgebaut. „Braucht halt seinen Platz!“ Nicht unbedingt zur Freude der Zimmerleute, die ab und an auch mal vorbeikommen, komische Kommentare abgeben und dann irgendwelche Leichen verscharren. Da muss man schon aufpassen, nicht das man selber noch dran kommt! Es war auch einmal fast soweit, da musste jemand ganz schnell weggeschafft werden, sodass sich selbst ein Zimmerer mit Nebenjob: Totengräber, der Hilfe eines Tischlers bediente. Ja, ja, jeder hat seine Leichen im Keller. Aber so leicht wird man einen Tischler nicht los! „Ich schaufle ja nicht mein eigenes Grab.“ Ein Kommentar fürs nächste Mal: „Ab in die Elbe, da geht’s schneller und man muss auch nicht soviel buddeln.“

Der Krach erregt Aufsehen
„Langsam fällt ‘s auf, dass in  der Werkstatt ständig was los ist!“ In so einem kleinen Dorf bleibt auch nichts geheim. Und so ist das nun mal in den ganzen kleinen Werkstätten dieser Welt. Da sieht man mal wieder, wie schwer ja so ein Tischlerleben ist! Ausgesetzt allen die da kommen. Da flüchtet der Zimmermann schon längst auf sein Dach und versteckt sich hinterm Sparren. Der Tischler steht immer noch in seiner Werkstatt und trotzt getrost sämtlichen Vertreterdünnsinn von Würth & Co und befriedigt sämtliche Fragen von irgendwelchen Neugierigen, die täglich nach den Fortschritten schauen und sich wundern, wie lange das dauern kann, einen Schrank zu bauen. „Ihr habt ja alle keine Ahnung! Nachts arbeiten ist so schön!“

Einmal Vanille bitte
Sämtliche Flächen sind fertig verleimt. Na dann muss man mal schauen, dass gerade bleibt was gerade sein sollte. Also klassisch, graten. 14 Gratleisten in Ahorn, nicht zu locker nicht zu stramm. „Muss ja arbeiten können!“ Weiß ja jeder: Holz arbeitet, der Schreiner schläft! Schön wär’s. Nachdem sich die Ein oder Andere, mehr oder weniger quergestellt hat, sind alle drin und die Türen sind grob gesagt, fertig.

Versuch macht klug
„Ja, ja, aus Fehlern lernt man.“ Zwar am liebsten aus den Fehlern anderer, aber daraus lernt man nicht so viel. Naja, die Erste selbst gemachte  Schablone zu fräsen, der Fingerzinken, war jedenfalls Grütze. Also musste ne Neue her. Diesmal erst Schablone bauen, zum Schablone bauen und dann klappt das auch. Warum nicht gleich so, wäre ja zu einfach.

ALEA IACTA EST
Die Würfel sind Gefallen
Nach und nach verleimte ich alle Korpusse, nicht unbedingt zur Freude des Platzbedarfs. So wurde man ständig als `Wirtschaftsblockierer´ bezeichnet und natürlich fiel auch ständig die dezente Frage: „Wann reist du denn wieder ab?“ Tja, man kann sich halt nicht immer nur beliebt machen.

Alles nur Fiktion
Als alle Korpusse verleimt waren, ging es daran einen KVH Balken zu imitieren und den Zimmerleuten zu zeigen, dass auch Tischler mit Balken hantieren können. Somit erst einmal einen schönen Balken aus dem Regal gezogen und an der Bandsäge aufgetrennt. Es kostete einige Überwindung, die natürlichen Risse mit rein zunehmen. „Aber so ein Balken, der muss schon ein bisschen Rustikal ausschauen! Das mögen ja die Zimmerleute.“ Also nachdem alles aufgetrennt war, konnte man alles wieder verleimen und fertig war der imitierte Balken. Noch einen schönen Hirnholzdeckel und schon ist das Ganze fast nicht mehr zu unterscheiden vom Echten. Jetzt noch einen imitierten Buchebalken in den Balken und somit gibt es jetzt die Möglichkeit, den CD Schubkasten darin zu führen.

Durchdringung von Körpern
So nennt man das in der Geometrie, wenn man einen Balken von 25/25 durch einen Nussbaumkorpus haut. Viele stellen dazu nur die Frage: „Warum?“ Weil es Spaß macht?! Ein bisschen Schiften und versenkt, der Balken steckt im Korpus. Das Läuft wie Öl Die Zeit wird knapp, der Flug ist gebucht und das Öl muss drauf, möglichst zügig wegen der Trockenzeiten. Also Nachtschicht, so gegen 3 war's durch. Just in Time? Sonntag: Montage. Montag: nach München. Dienstag: nach Afrika. Er steht auf jeden Fall und der Kundendienst kommt sowieso.

Holz arbeitet, der Schreiner schläft
So kommt es, dass nach einem halben Jahr nachgearbeitet wird. Noch mal schauen, dass alles läuft und Bilanz ziehen. Nun steht er da, gleich hinterm Deich, in einem Haus. Ich hoffe er bleibt da noch ne Weile stehen. Und die Geschichte geht weiter.

Geschrieben und erlebt vom Fremden Freiheitsbruder
Michael Ruppert