Auf der Walz und auf dem Meer
Gleich zwei Traditionen kann man im Eckernförder Hafen zur Zeit erleben. Zünftige Wandergesellen helfen bei der Instandhaltung von alten Segelschiffen.
Gleich zwei Traditionen kann man im Eckernförder Hafen zur Zeit erleben. Zünftige Wandergesellen helfen bei der Instandhaltung von alten Segelschiffen.
„Was ist das für eine seltsame Kluft? Eine Schiffsuniform? Sieht aber nicht sehr maritim aus.“
Die Spaziergänger, eine Familie, wundern sich über die beiden auffallenden Gestalten an Bord des schnieken Traditionsseglers. Marco Beier und Lars Scheffer schauen kaum von ihrer Arbeit hoch, wenn sie die Gesprächsfetzen vom Kai mitbekommen. Nur wenn Sie direkt angesprochen werden, antworten sie höflich: Das rote Ding an der schneeweißen kragenlosen Bluse ist kein Schlips, sondern eine „Ehrbarkeit“, die Auskunft gibt, zu welchem „Schacht“ die in traditioneller Kluft reisenden Gesellen gehören. Wenn die Besucher es genau wissen wollen, erleben sie eine neue – uralte – Sprache. „Schächte“ sind die Organisationen der reisenden Handwerkgesellen, die mit ihren Habseligkeiten, eingewickelt in den „Charlottenburger“, ein 80 X 80 cm großes Tuch, auf Wanderschaft, oder „auf die Walze“ gehen. Die rote „Ehrbarkeit“ von Marco Beier und Lars Scheffer lässt den Kundigen auf den „Fremden Freiheitsschacht“ schließen, der seit 1910 bereits ein Zusammenschluss zünftiger Gesellen aus dem Bauhandwerk ist. Neben diesen gibt es noch 5 andere Schächte und auch „Freireisende Gesellen“. „Drei Jahre und einen Tag sind wir unterwegs, mindestens“ verrät Lars, der sich als Dachdecker in Arnsberg im Sauerland auf die Reise begeben hat. Diesen Ort muss er hinfort meiden, denn die Gesellen sollen sich ihre Arbeit unterwegs suchen. Marco Beier hat es mit der Umgehung seines Heimatortes etwas schwieriger: Hamburg liegt ja recht zentral. Bis 2007 wird er diese Stadt aber meiden müssen. Um als Fremdgeschriebener auf die Wanderschaft zu dürfen, muss man Geselle des entsprechenden Bauhandwerks sein. Außerdem sollen die Wandergesellen unverheiratet und frei von Verpflichtungen sein.
Zurzeit sind die beiden in Eckernförde und bringen, fleißig bei der Aufarbeitung eines Traditionsschiffes helfend, die Touristen zum fragen. Etwas wunderlich sehen sie schon aus, mit ihren schweren ausladenden Handwerkerhosen aus dickem Kord oder „Deutschleder“, mit auffälligen Knöpfen versehenen Westen, Schlapphut und Zylinder. Möglichst viel zu lernen ist ihr Ziel und auch ungewohnte Arbeiten, jenseits von den normalen Abläufen des erlernten Berufes reizen sie sehr. Vielerlei Traditionen prägen die Tippelei, wie die Wanderschaft auch genannt wird. So sollte die Reise nichts kosten, es wird als getrampt oder tatsächlich gelaufen. Um Arbeit wird bei den ortsansässigen Meistern nachgefragt, die die fremden Gesellen schätzen. Aber in Zeiten knapper Arbeit und schlechter Konjunktur kann es auch sehr beschwerlich sein, Arbeit und Unterkunft zu finden – besonders im Winter. Auf einem Boot zu arbeiten, hat den entschiedenen Vorteil, dass für die Kojen und das Essen gesorgt ist. Auch das Reisen zu Wasser hat besondere Reize. Auf den alten Holzschiffen gibt es immer reichlich Arbeit. Jährlich müssen die Schiffe vom Kiel bis zur Mastspitze gewartet werden. Nicht nur Pflege für das Holz und reichlich Farbe, sondern auch Austauschen von Teilen, die langsam von den unbarmherzigen Elementen Wasser und Wind mürbe gemacht wurden. Marco und Lars reizt es, selbst Werkstücke anfertigen zu müssen, die längst schon nicht mehr im Handel erhältlich sind. Auch der fachmännische Umgang mit kräftigen Tampen und kniffeligen Knoten kommt ihnen später bestimmt zu pass.
Als reisende Gesellen können sie oft eine Strecke mit dem Schiff mitfahren. Egal ob die nächste Station in Dänemark oder in an der Nordseeküste liegt: Überall können sie ihre Reise fortsetzen und finden Meister bei denen sie nach Arbeit fragen können. Aber auch die guten Verbindungen, die ähnlich wie bei den zünftigen Gesellen untern den Traditionsschiffern herrscht, bescheren immer wieder interessante Arbeitseinsätze. Während sie noch an Bord der Platessa von Esbjerg das laufende Gut nach brüchigen Stellen durchsuchen, kommt bereits ein anderer Skipper vorbei und fragt, ob sie Zeit und Lust haben, beim Kalfaltern, beim abdichten der Decksplanken zu helfen. Die Reisenden sind angehalten, sich stets ehrbar und zünftig zu verhalten, damit der Nächste auch gern gesehen wird. Immerhin gibt es ca. 800 Gesellen auf der Walz, von denen ca. 200 als „Freireisende“ nicht in den traditionellen Schächten organisiert sind. Kurze Zeit später sind die beiden emsigen Handwerker bereits auf einem anderen Boot und hantieren mit Hanf und Teer. Vielleicht treffen die Touristen die netten Gesellen schon bald wieder, wenn sie in einer ganz anderen Stadt freundlich vom Dachstuhl eines neuen Hauses herab grüssen
Eckernförder Zeitung
Gleich zwei Traditionen kann man im Eckernförder Hafen zur Zeit erleben. Zünftige Wandergesellen helfen bei der Instandhaltung von alten Segelschiffen.
„Was ist das für eine seltsame Kluft? Eine Schiffsuniform? Sieht aber nicht sehr maritim aus.“
Die Spaziergänger, eine Familie, wundern sich über die beiden auffallenden Gestalten an Bord des schnieken Traditionsseglers. Marco Beier und Lars Scheffer schauen kaum von ihrer Arbeit hoch, wenn sie die Gesprächsfetzen vom Kai mitbekommen. Nur wenn Sie direkt angesprochen werden, antworten sie höflich: Das rote Ding an der schneeweißen kragenlosen Bluse ist kein Schlips, sondern eine „Ehrbarkeit“, die Auskunft gibt, zu welchem „Schacht“ die in traditioneller Kluft reisenden Gesellen gehören. Wenn die Besucher es genau wissen wollen, erleben sie eine neue – uralte – Sprache. „Schächte“ sind die Organisationen der reisenden Handwerkgesellen, die mit ihren Habseligkeiten, eingewickelt in den „Charlottenburger“, ein 80 X 80 cm großes Tuch, auf Wanderschaft, oder „auf die Walze“ gehen. Die rote „Ehrbarkeit“ von Marco Beier und Lars Scheffer lässt den Kundigen auf den „Fremden Freiheitsschacht“ schließen, der seit 1910 bereits ein Zusammenschluss zünftiger Gesellen aus dem Bauhandwerk ist. Neben diesen gibt es noch 5 andere Schächte und auch „Freireisende Gesellen“. „Drei Jahre und einen Tag sind wir unterwegs, mindestens“ verrät Lars, der sich als Dachdecker in Arnsberg im Sauerland auf die Reise begeben hat. Diesen Ort muss er hinfort meiden, denn die Gesellen sollen sich ihre Arbeit unterwegs suchen. Marco Beier hat es mit der Umgehung seines Heimatortes etwas schwieriger: Hamburg liegt ja recht zentral. Bis 2007 wird er diese Stadt aber meiden müssen. Um als Fremdgeschriebener auf die Wanderschaft zu dürfen, muss man Geselle des entsprechenden Bauhandwerks sein. Außerdem sollen die Wandergesellen unverheiratet und frei von Verpflichtungen sein.
Zurzeit sind die beiden in Eckernförde und bringen, fleißig bei der Aufarbeitung eines Traditionsschiffes helfend, die Touristen zum fragen. Etwas wunderlich sehen sie schon aus, mit ihren schweren ausladenden Handwerkerhosen aus dickem Kord oder „Deutschleder“, mit auffälligen Knöpfen versehenen Westen, Schlapphut und Zylinder. Möglichst viel zu lernen ist ihr Ziel und auch ungewohnte Arbeiten, jenseits von den normalen Abläufen des erlernten Berufes reizen sie sehr. Vielerlei Traditionen prägen die Tippelei, wie die Wanderschaft auch genannt wird. So sollte die Reise nichts kosten, es wird als getrampt oder tatsächlich gelaufen. Um Arbeit wird bei den ortsansässigen Meistern nachgefragt, die die fremden Gesellen schätzen. Aber in Zeiten knapper Arbeit und schlechter Konjunktur kann es auch sehr beschwerlich sein, Arbeit und Unterkunft zu finden – besonders im Winter. Auf einem Boot zu arbeiten, hat den entschiedenen Vorteil, dass für die Kojen und das Essen gesorgt ist. Auch das Reisen zu Wasser hat besondere Reize. Auf den alten Holzschiffen gibt es immer reichlich Arbeit. Jährlich müssen die Schiffe vom Kiel bis zur Mastspitze gewartet werden. Nicht nur Pflege für das Holz und reichlich Farbe, sondern auch Austauschen von Teilen, die langsam von den unbarmherzigen Elementen Wasser und Wind mürbe gemacht wurden. Marco und Lars reizt es, selbst Werkstücke anfertigen zu müssen, die längst schon nicht mehr im Handel erhältlich sind. Auch der fachmännische Umgang mit kräftigen Tampen und kniffeligen Knoten kommt ihnen später bestimmt zu pass.
Als reisende Gesellen können sie oft eine Strecke mit dem Schiff mitfahren. Egal ob die nächste Station in Dänemark oder in an der Nordseeküste liegt: Überall können sie ihre Reise fortsetzen und finden Meister bei denen sie nach Arbeit fragen können. Aber auch die guten Verbindungen, die ähnlich wie bei den zünftigen Gesellen untern den Traditionsschiffern herrscht, bescheren immer wieder interessante Arbeitseinsätze. Während sie noch an Bord der Platessa von Esbjerg das laufende Gut nach brüchigen Stellen durchsuchen, kommt bereits ein anderer Skipper vorbei und fragt, ob sie Zeit und Lust haben, beim Kalfaltern, beim abdichten der Decksplanken zu helfen. Die Reisenden sind angehalten, sich stets ehrbar und zünftig zu verhalten, damit der Nächste auch gern gesehen wird. Immerhin gibt es ca. 800 Gesellen auf der Walz, von denen ca. 200 als „Freireisende“ nicht in den traditionellen Schächten organisiert sind. Kurze Zeit später sind die beiden emsigen Handwerker bereits auf einem anderen Boot und hantieren mit Hanf und Teer. Vielleicht treffen die Touristen die netten Gesellen schon bald wieder, wenn sie in einer ganz anderen Stadt freundlich vom Dachstuhl eines neuen Hauses herab grüssen
Eckernförder Zeitung
