Mit Charlottenburger und Stenz
Mit Charlottenburger und Stenz um die halbe Welt Maik Berek blinzelt vor dem Döbelner Rathaus in die grelle Herbstsonne. Drei Jahre und sechs Wochen hatte er hier nicht gestanden.
TOPNEWS 15.10.2005
Mit Charlottenburger und Stenz um die halbe Welt
Maik Berek blinzelt vor dem Döbelner Rathaus in die grelle Herbstsonne. Drei Jahre und sechs Wochen hatte er hier nicht gestanden.
Mutter Karin steht neben ihm, sichtlich froh, dass der Sohn wieder zu Hause ist. Vater Wolfgang schießt Foto um Foto. Ein bisschen ist es wie ein Familientreffen. Wenn da nicht ein paar robuste Mannspersonen mit breiten Schlaghosen, Cordwesten und altmodischen Hüten um ihn herumstehen würden - die gleiche Kleidung, die auch Maik Berek trägt. Intern heißt sie Kluft und wenn die jungen Männer wollten, würde keiner verstehen, wovon sie reden. Sie sind Handwerker auf der Walz. Mit eigener Kleidung, Bräuchen und auch Sprache. Unterwegs mit dem Stenz, dem martialischen Wanderstock, und dem Charlottenburger, einem großen Tuch, in dem sie die wenigen Habseligkeiten einbinden.
Boris Millar, bei dem die Sonnenbrille im eigenartigen Widerspruch zur fremdmodischen Kluft steht, hatte Maik Berek vor mehr als drei Jahren in Döbeln abgeholt. Jetzt bringt Millar ihn zurück. Der Zimmermann ist ein fremder Freiheitsbruder, darauf legt er Wert. Der fremde Freiheitsschacht ist nur eine von vielen Gesellenvereinigungen, unter deren Dach Handwerker wie vor mehr als 100 Jahren von Arbeit zu Arbeit ziehen.
Berek, der Tischler, wird noch vor Dienstschluss beim Bürgermeister vorsprechen, sich von der Walz zurückmelden und den letzten Stempel in sein Wanderbuch drücken lassen. Heute steigt er über das Döbelner Ortseingangsschild und buddelt die leere Schnapsflasche mit Andenken aus, die er bei seiner Abreise dort vergraben hatte, Auch so ein Brauch. Bis auf 50 Kilometer hatte er sich in den vergangenen drei Jahren nicht seiner Heimatstadt Döbeln genähert. Wenn die Eltern den reisenden Handwerker sehen wollten, mussten sie ihm hinterherfahren. „Das hat auch Spaß gemacht“, sagte Mutter Karin Berek. Im nächsten Monat ist der 26-Jährige schon wieder weg. „Ich werde in der Schweiz arbeiten. Man muss ja was aus seinem Leben machen“, erzählt er.
In den drei Jahren hat Berek die halbe Welt gesehen - oder zumindest ein großes Stück von der Hälfte. Er war in der Schweiz, Österreich und Deutschland unterwegs. Er arbeitete in Dänemark und Schweden. Und eines Tages setzte er sich mit einem anderen reisenden Handwerker ins Flugzeug nach Mexico Stadt. Einfach auf gut Glück. Verständigung war nur in Spanisch möglich. Und das kann der reisende Handwerker? „Nö. Hunger und Durst versteht aber jeder.“ Arbeit haben die Reisenden Handwerker in Mexiko nicht gefunden. „Wir waren an der ärmsten Küste gelandet. Nach ein paar Wochen sind wir wieder abgereist.“
Die Walz kann der Tischler nur empfehlen. „Da lernt man wirklich was. Weil man seinen Kopf anstrengen muss.“
von Jens Hoyer
TOPNEWS 15.10.2005
Mit Charlottenburger und Stenz um die halbe Welt
Maik Berek blinzelt vor dem Döbelner Rathaus in die grelle Herbstsonne. Drei Jahre und sechs Wochen hatte er hier nicht gestanden.
Mutter Karin steht neben ihm, sichtlich froh, dass der Sohn wieder zu Hause ist. Vater Wolfgang schießt Foto um Foto. Ein bisschen ist es wie ein Familientreffen. Wenn da nicht ein paar robuste Mannspersonen mit breiten Schlaghosen, Cordwesten und altmodischen Hüten um ihn herumstehen würden - die gleiche Kleidung, die auch Maik Berek trägt. Intern heißt sie Kluft und wenn die jungen Männer wollten, würde keiner verstehen, wovon sie reden. Sie sind Handwerker auf der Walz. Mit eigener Kleidung, Bräuchen und auch Sprache. Unterwegs mit dem Stenz, dem martialischen Wanderstock, und dem Charlottenburger, einem großen Tuch, in dem sie die wenigen Habseligkeiten einbinden.
Boris Millar, bei dem die Sonnenbrille im eigenartigen Widerspruch zur fremdmodischen Kluft steht, hatte Maik Berek vor mehr als drei Jahren in Döbeln abgeholt. Jetzt bringt Millar ihn zurück. Der Zimmermann ist ein fremder Freiheitsbruder, darauf legt er Wert. Der fremde Freiheitsschacht ist nur eine von vielen Gesellenvereinigungen, unter deren Dach Handwerker wie vor mehr als 100 Jahren von Arbeit zu Arbeit ziehen.
Berek, der Tischler, wird noch vor Dienstschluss beim Bürgermeister vorsprechen, sich von der Walz zurückmelden und den letzten Stempel in sein Wanderbuch drücken lassen. Heute steigt er über das Döbelner Ortseingangsschild und buddelt die leere Schnapsflasche mit Andenken aus, die er bei seiner Abreise dort vergraben hatte, Auch so ein Brauch. Bis auf 50 Kilometer hatte er sich in den vergangenen drei Jahren nicht seiner Heimatstadt Döbeln genähert. Wenn die Eltern den reisenden Handwerker sehen wollten, mussten sie ihm hinterherfahren. „Das hat auch Spaß gemacht“, sagte Mutter Karin Berek. Im nächsten Monat ist der 26-Jährige schon wieder weg. „Ich werde in der Schweiz arbeiten. Man muss ja was aus seinem Leben machen“, erzählt er.
In den drei Jahren hat Berek die halbe Welt gesehen - oder zumindest ein großes Stück von der Hälfte. Er war in der Schweiz, Österreich und Deutschland unterwegs. Er arbeitete in Dänemark und Schweden. Und eines Tages setzte er sich mit einem anderen reisenden Handwerker ins Flugzeug nach Mexico Stadt. Einfach auf gut Glück. Verständigung war nur in Spanisch möglich. Und das kann der reisende Handwerker? „Nö. Hunger und Durst versteht aber jeder.“ Arbeit haben die Reisenden Handwerker in Mexiko nicht gefunden. „Wir waren an der ärmsten Küste gelandet. Nach ein paar Wochen sind wir wieder abgereist.“
Die Walz kann der Tischler nur empfehlen. „Da lernt man wirklich was. Weil man seinen Kopf anstrengen muss.“
von Jens Hoyer
